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-Drei Dinge braucht der Mensch

-Maison d'Espérance

Von März 2008 bis Oktober 2014 gab es ein Vorläuferprojekt, das "Maison d'Espérance" in Südfrankreich. Der Begründer und Leiter, Martin Urban, fasste die dort gemachten Erfahrungen im folgenden Artikel zusammen (veröffentlicht in: Sozialpsychiatrische Informationen 2013).

Martin Urban

Alternativen zur Psychiatrie – wie geht das? Fünf Jahre „Maison d'Espérance“ in Südfrankreich

Was ist eigentlich besonderes daran, an unserem „Haus der Hoffnung“? Viele Menschen drücken ihre Unzufriedenheit mit den bestehenden psychiatrischen Institutionen aus, man redet ständig von Psychiatriereform, viele träumen von Alternativen. Eigentlich ist klar, dass vieles ganz anders sein sollte; es gibt etliche Initiativen, die sich seit Jahren solche Ziele gesetzt haben. Immer wieder höre ich von Besuchern: „Ja, genau so etwas habe ich mir immer vorgestellt!“ Also: es scheint ziemlich klar zu sein, was zu tun ist, - man muss es nur machen!

Seit fünf Jahren gibt es „la Maison d‘Espérance“, das Haus der Hoffnung in Südfrankreich. Das ist keine Klinik, keine Reha-Einrichtung, auch keine therapeutische Hightec-Werkstatt. Sondern einfach ein Gästehaus, in dem Menschen, die in eine Krise geraten sind, die sie seelisch überfordert, sich erholen können. Abstand gewinnen von einer stressigen Lebenssituation, um wieder zu sich selbst zu finden. Man könnte auch sagen: eine Art alternativer Zufluchtsstätte für „Menschen in einer Lebenskrise“. Am 1. März 2008 hatten wir – ein im Dezember 2007 in Stuttgart gegründeter gemeinnütziger Verein – die Chance, ein Haus mit fünf Einzelzimmern und einem großen Wohnbereich anzumieten in dem kleinen Winzerort St.Pons de Mauchiens im Languedoc (Département Hérault, nicht weit von Montpellier). Hier leben also fünf Menschen zusammen wie in einer Art Wohngemeinschaft auf Zeit. Sie bestimmen ihren Tageslauf selbstständig, sie wirtschaften ebenso selbständig mit den 5 Euro, die jeder pro Tag in die Gemeinschaftskasse gibt. Wieviel Ruhe oder Aktivität jeder braucht, kann er selbst bestimmen, bis auf dass ein jeder seinen Anteil am gemeinsamen Haushalt beitragen sollte, beim Einkaufen, Kochen oder Hausputz – eben wie in jeder Wohngemeinschaft. Seit zwei Jahren gibt es ein zweites Haus im 5 km entfernten Nachbarort Montagnac, ebenfalls mit fünf Einzelzimmern, davon zwei behindertengerecht gestaltet, mit entsprechendem Bad (zum größten Teil von Bewohnern unserer Häuser in Eigenarbeit umgebaut). Hier gibt es einen großen Gemüsegarten, eine Holzwerkstatt sowie ein Atelier für künstlerische Arbeiten. Leiterin dieses zweiten Hauses ist eine Kunsttherapeutin (im Haus Eins ist der Leiter – der Autor dieser Zeilen – ein Diplompsychologe und Psychotherapeut). Das ist aus unserer Sicht ein großer Fortschritt, denn damit gibt es für jeden Bewohner (beider Häuser) hinreichend Möglichkeiten für nützliche und kreative Beschäftigung. Glücklicherweise haben wir als freien Mitarbeiter einen weiteren Psychologen und Psychotherapeuten, der einmal pro Woche zu uns kommt und Einzeltherapien anbíetet (wofür allerdings ein Kostenträger dasein sollte). Doch nicht alle brauchen dies, die täglichen Gespräche mit den (therapeutisch ausgebildeten) Leitern der Häuser sowie auch der Austausch in der Gemeinschaft mit ähnlich Betroffenen sind in vielen Fällen ausreichend, dass jemand in einer Krise sich neu orientieren und zu sich selbst finden kann.

Entscheidend für die Wirksamkeit eines Aufenthaltes in solch einer „alternativen Einrichtung“ ist unseres Erachtens das zwischenmenschliche „Klima“, das als heilsames Milieu verstanden werden soll, und das sich bewusst abhebt von dem, was viele Betroffene leider auch heute noch in den psychiatrischen Institutionen erleben. Mir scheinen dabei folgende Punkte von entscheidender Bedeutung:
eine Atmosphäre der Freiheit – ein hoch aktuelles Thema angesichts der laufenden Diskussionen um „Zwangsbehandlung“! Es geht aber nicht nur um die Vermeidung von Zwang, sondern positiv: um die Wahrung von möglichst viel Selbstbestimmung. Leider allzu oft wird den Patienten in der Psychiatrie vorgeschrieben, was sie zu tun (oder einzunehmen) haben, wohin sie gehen sollen, welche Maßnahme oder Lebensform für sie die richtige sei. Man übersieht offenbar, dass dabei die Motivation zu Veränderungen sinkt, ja ihr Ehr- und Wertgefühl in gefährlicher Weise untergraben wird. Daher ist uns im Kontrast dazu das Prinzip der Freiheit elementar wichtig. Das erleben auch unsere Bewohner elementar, sie kommentieren es häufig mit Erstaunen und Befriedigung. Viele erleben dies als etwas Neues, beglückendes in ihrem Leben – offenbar im Kontrast zu dem, was in vielen Kinderstuben und auch therapeutischen Einrichtungen durchaus nicht selbstverständlich ist.

Eng verbunden damit ist das Prinzip der De-Institutionalisierung. Ich werde oft gefragt, was wir denn für eine Tagesstruktur haben, oder was für ein Therapieprogramm. Und viele wundern sich wenn sie hören, dass wir darauf weitgehend verzichten. Einige Grundregeln ergeben sich aus den Notwendigkeiten des Zusammenlebens, ansonsten schauen wir auf die – oft so unterschiedlichen - Bedürfnisse der einzelnen: von der Ernährung über den Tagesrhythmus und die Wünsche nach Kontakt oder Rückzugsmöglichkeit bis hin zu den unterschiedlichen Beschäftigungsmöglichkeiten. Möglichst wenig institutionelle Vorgaben, möglichst viel natürliches Leben und individuelle Gestaltungsmöglichkeiten.

Das bedeutet gleichzeitig Wertschätzung des Individuums, Respekt vor seiner Besonderheit, seiner eigenen Entwicklungsgeschichte. Dazu gehört auch, dass die Eigenarten des Einzelnen nicht gleich als „Symptome“ von etwas Krankhaftem gesehen werden, sondern - entstigmatisierend - als Ergebnis seiner Lebenserfahrungen, die respektiert werden müssen als sinnvolle und einstmals notwendige Weisen des Selbstschutzes. Und die ihr Existenzrecht auch weiterhin behalten, bis der Betreffende günstigere Bewältigungsformen gefunden hat.- Dazu gehört weiterhin jene Perspektive des Vertrauens in die Entwicklungsmöglichkeiten eines jeden, wie „chronisch“ seine „Störung“ auch andernorts eingeschätzt und behandelt worden sein mag. Das ist das „Prinzip Hoffnung“ konkret für die Sozialpsychiatrie: weg vom Mythos der Unheilbarkeit, hin zu einer echten Recovery-Orientierung. Jeder Mensch braucht diesen Vorschuss an Vertrauen, um die eigenen Kräfte entfalten und einsetzen zu können. Und nur so können Selbstheilungskräfte aktiviert werden. Bedeutsam erscheint uns ferner ein hohes Maß an Bereitschaft, auf jeden neu Ankommenden zuzugehen, dass er sich persönlich gemeint und ernst genommen fühlt, mit seinen Gaben und individuellen Zielen gefördert wird. Eine Atmosphäre der Offenheit und Herzlichkeit, mit der sich jeder Einzelne gemeint und willkommen geheißen fühlt. Etwas, was auch viele unserer Bewohner bisher in ihrem Leben so nicht erfahren haben, weder in ihrer Familie noch in Institutionen. Und wenn es dort Mitarbeiter gab, die sich so persönlich engagierten, wurden sie oft als „zu involviert“ und „unprofessionell“ zurück gepfiffen. Dagegen lehrt uns die Bindungstheorie, dass jeder Mensch ein tiefes Grundbedürfnis nach Kontakt und Geborgenheit hat. Und dass genau der Mangel an Sicherheit gebenden Bindungserfahrungen in der Kindheit den Boden bereitet für spätere seelische Störungen. Entsprechend sind korrigierende emotionale Erfahrungen die Voraussetzung für eine „nachholende Bindungsentwicklung“, die die Seele aufatmen und gesunden lässt.

Diese Haltungen müssen von den Mitarbeitern eines solchen Hauses realisiert und vorgelebt werden. Sie müssen spürbar werden in der Weise, wie man sich „Guten Morgen“ sagt, und bei jeder weiteren gemeinsamen Aktion im Alltag. Ein Ehepaar, das uns mit seinem als schizophren diagnostizierten Sohn besuchte (für den sie einen alternativen Lebensraum suchten), reiste nach zehn Tagen unverrichteter Dinge wieder ab – der Sohn konnte sich nicht entschließen, hier zu bleiben. Aber schon vier Wochen später meldeten sie sich erneut zu einem Besuch bei uns an, diesmal mit zwei Söhnen. Es hätte ihnen so gut getan, die Atmosphäre im Maison d'Espérance habe ihnen viele neue Impulse gegeben für ihr Zusammenleben in der Familie. (Diesmal entschloss sich der Sohn spontan, für längere Zeit bei uns zu bleiben.)

Freilich haben nicht alle Besucher in gleicher Weise von unserem Angebot profitiert. Die Zahl derer, die enttäuscht abgereist sind, liegt vielleicht bei 10 % (eine katamnestische Untersuchung ist geplant). Einige hatten unrealistische Versorgungswüsche, andere zu extremes Rückzugsverhalten, Misstrauen oder fühlten sich gegenüber anderen benachteiligt. Das brachte mitunter erhebliche Spannungen in die Gemeinschaft, die sich nicht therapeutisch auflösen ließen, und die wir auch der Gemeinschaft nicht länger zumuten konnten. Das heißt, es gab keine Verlängerung des Aufenthalts; eigentliche vorzeitige Entlassungen gab es kaum. Nur in drei Fällen kam es zu Einweisungen in die französische Psychiatrie, einmal bei einer akuten manischen Exazerbation, die trotz intensiver Krisenbegleitung in unserem Haus sich nach vier Wochen weiter verschlechterte; ein andermal bei einer schweren depressiven Regression, bis zur Bettlägerigkeit mit Nahrungsverweigerung und Inkontinenz. Ein junger Mann wurde kürzlich von der Polizei eingewiesen, weil er in verwirrtem Zustand in der Umgebung aufgefunden wurde, nachdem er seine neuroleptische Medikation abrupt abgesetzt hatte. Das waren seltene Ausnahmen. Auch wir sind keine Wunderheiler und können nicht allen helfen; es gibt seelische Störungen, die in unserem Milieu nicht ausreichend Hilfe erfahren. Das gilt z.B. auch bei starkem Suchtverhalten. Freiwilligkeit, hinreichende Eigenmotivation und Bereitschaft zur Selbstverantwortung sowie eine ausreichende Gruppenfähigkeit sind Voraussetzungen, die sich aus dem Charakter unseres Modells ergeben.

Ich wage einmal die Schätzung, dass etwa drei Viertel der Patienten einer psychiatrischen Allgemeinstation den Rahmen einer Klinik nicht bräuchten. Dass sie nicht nur gleich gut, sondern eher besser in einer solchen alternativen Einrichtung aufgehoben wären, mit besseren Heilungschancen, bei weniger kontratherapeutischen Nebenwirkungen eines beengenden institutionellen Rahmens. Gewiss, das ist kein Reformprogramm auf Grund Evidenz-basierter wissenschaftlicher Erkenntnisse, wohl aber die schlichte Umsetzung menschlichen (und psychologischen) Erfahrungswissens, überdies die Anwendung humanistischer Grundhaltungen. Man muss sie nicht neu erfinden, man muss sie nur konsequent in die Tat umsetzen. Unser Verdienst (wenn ich das so sagen darf) ist lediglich, dass wir dies getan haben, und damit demonstrieren, dass es möglich ist, und schon vielen Menschen in ihrer Lebenskrise eine große Hilfe war. Im Prinzip könnte das jeder tun, und „Häuser der Hoffnung“ könnte es überall geben, am besten in jedem Landkreis eines! So schön unser „Modell“ in der malerischen Landschaft Südfrankreichs mit seinem sonnigen Klima ist – es gibt auch in Deutschland genügend Orte, die zur Erholung einladen.

Unser Modell ist freilich noch in Entwicklung. Den alternativen Charakter, die Freiheit der Gestaltung haben wir erkauft mit einer Ungewissheit hinsichtlich der Finanzierung. Der Beitrag unserer Bewohner zu den Kosten ist bewusst niedrig gehalten, damit auch ein Hartz IV-Empfänger sich das leisten kann: 50,-- Euro pro Woche kostet das Wohnen. Für die gemeinsame Küchenkasse kommen 5,-- € pro Tag hinzu, zusammen also 85,-- € pro Woche Die Finanzierung unserer therapeutischen Begleitung ist noch ein Entwicklungsprojekt und bisher nur durch die Unterstützung großzügiger Spender möglich. Das Persönliche Budget bietet im Prinzip genügend Möglichkeiten auch unkonventioneller „Eingliederungshilfe“; in der Praxis gibt es hier allerdings häufig erhebliche Hürden. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass Einrichtungen der Sozialpsychiatrie Klienten, die einen Empowerment-Schub für ein sebstbestimmteres Leben gebrauchen können, zu uns in „Urlaub“ schicken und uns für diese Zeit einen Teil ihrer Betreuungspauschale überlassen. Auch dies wurde schon realisiert.

Liebe Leserin, lieber Leser, wenn die Lektüre dieses Berichtes Sie irgendwie bewegt hat, lade ich Sie gern dazu ein, mit uns Kontakt aufzunehmen. Egal ob Sie, skeptisch oder begeistert, sich unsere Einrichtung selbst anschauen möchten, oder ob Ihnen Personen eingefallen sind, die vielleicht von einem Aufenthalt im Maison d‘Espérance profitieren könnten, oder ob Sie sich für die Realisierung eines solchen Hauses irgendwo in Deutschland interessieren (wir kennen schon ein paar Menschen, die sich mit solchen Plänen tragen), - Sie sind uns willkommen! Wir freuen uns über jedes Echo, über jede Begegnung. Denn Leben entsteht aus Begegnungen.

Kontaktadresse: Dipl.-Psych. Martin Urban

Bad Liebenstein

Tel.: 0172-8722798

Email: martin.urban.es@web.de


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